Minka, die Psychopathin...

Alles fing damit an, daß eines schönen Tages (vor nunmehr dreizehn Jahren) unser Nachbar vor der Tür stand - mit einem winzigen roten Fellbündel in der Hand. Besagtes Fellbündel entpuppte sich bei näherer Betrachtung als ein kleines, völlig abgemagertes Katzenbaby, welches uns zitternd und mit großen blauen Augen anstarrte.

Nun war guter Rat teuer... Selbst waren wir in keiner Weise auf eine Katze als Haustier eingerichtet, und der Nachbar arbeitete auswärts, kam also nur an den Wochenenden nach Hause. Aber irgend etwas mußte ja passieren. Also wurde erstmal eine Kiste mit Stroh in den Schuppen gestellt, dazu warme Milch und kleingeschnittene Wurst - und Miez bezog ihre neue Unterkunft. Am nächsten Morgen dann der spannende Moment - ja, Miez war noch da. Ob sie nun einfach zu schwach zum Weglaufen oder zu verängstigt war oder ihr das Quartier so gefiel, weiß ich nicht. Jedenfalls schlief sie friedlich in ihrer Kiste und beide Freßnäpfe waren leer. Und wir hatten ein neues Haustier... Irgendwann hieß das Kleine dann plötzlich Minka, und kurz darauf machte sie uns auch deutlich, daß sie doch lieber im Haus übernachten wollte als im Schuppen. Na ja, und versuche mal einer, so einem kleinen Wuschel einen Wunsch abzuschlagen... Minka zog also endgültig bei uns ein - und betrachtete uns sofort als Elternersatz. Wenn sie nicht gerade schlief oder fraß, war sie damit beschäftigt, an Fingern zu nuckeln und zu treteln. Verblüffenderweise war sie vom ersten Tag an (fast) stubenrein. Das Katzenklo wurde jedoch von Anfang an ignoriert - Madame erledigte ihr "Geschäft" grundsätzlich draußen, nachdem sie vor der Tür mauzend auf ihr Problem aufmerksam gemacht hatte. Mittlerweile stand auch der erste Tierarztbesuch ins Haus - ihr Wimmern in der Transportkiste war zwar steinerweichend, aber es ging alles gut. Noch...

Die Tierärztin hatte uns zwar schon erklärt, daß Minka viel zu früh ihre Mutter (und damit ihren Lehrer) verloren hatte und sie dadurch etwas eigenwillig werden könnte, aber das hat uns in dem Augenblick nicht interessiert - Minka war für uns einfach ein niedliches, verspieltes Katzenkind. Auch ihre Hobbies wie "Kletter den nackten Rücken rauf und fang die Zahnbürste!" oder "Wer schreit am lautesten, wenn ich ihn in die Füße beiße?" haben wir auf ihren Spieltrieb geschoben - auf der anderen Seite war sie ja unglaublich anhänglich und verschmust. Sie kann stundenlang schnurrend irgendwo liegen und sich kraulen lassen - um sich im nächsten Moment ohne Vorwarnung in die kraulende Hand zu verbeißen. Fremden gegenüber ist sie sehr mißtrauisch - sie geht praktisch allem Besuchern aus dem Weg, Uneinsichtige bekommen dabei auch mal sehr deutlich gezeigt, daß sie ihre Ruhe haben will.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich Minka zu einer ausgeprägten Freigängerin. Hinter unserem Haus gibt es nur noch Felder und Wald - da sind sehr ausgedehnte Streifzüge an der Tagesordnung. Im Sommer sind Abwesenheiten von ein bis zwei Wochen keine Seltenheit - es kann ohne weiteres passieren, daß es beim Sonntagsspaziergang im tiefsten Wald plötzlich maunzt, Minka auftaucht und nach Abholung einer Runde Streicheleinheiten wieder verschwindet. Setzt wärend ihres "Ausganges" starker Regen ein, steht ungefähr ein bis zwei Stunden darauf ein triefnasses Etwas vor der Tür und möchte frottiert werden... Keine Ahnung, wer ihr das Jagen beigebracht hat, aber sie ist die Nemesis der Mäuse. Sie fängt eigentlich alles, was von der Größe her einigermaßen zu bewältigen ist - leider auch manchmal Vögel - und das im Stundentakt. Ich habe schon oft Katzen beobachtet, die stundenlang ein Mäuseloch hypnotisieren, aber Minka muß da einen eigenen Trick kennen. Sie verschwindet mal kurz für fünf bis zehn Minuten, und steht dann stolz mit ihrer Beute da. Das kann sich unter Umständen im Halbstundentakt wiederholen - man könnte fast glauben, um die Ecke steht ein Mäuseautomat.

Mittlerweile ist sie zwar etwas ruhiger geworden, ihre Launenhaftigkeit hat sie jedoch nie abgelegt. Immernoch zeigt sie sich als anhängliche, friedlich schmusende Miez - die sich jeden Augenblick in eine Furie zu verwandeln kann. Und uns würde direkt etwas fehlen, wäre es plötzlich nicht mehr so...